armyErstaunliche Flucht

Joseph Luxum studierte vier Jahre lang klassische Flöte und Klavier am Konservatorium in Warschau. Professor Levandovsky, der Hauptdirigent der Schule, bot Joseph an, ein Solokonzert mit der Warschauer Philharmonie zu spielen. Aber eine ungewöhnliche Wende der Ereignisse veränderte Josephs musikalische Karriere in Polen.

Der Wehrdienst in der Armee, zu dem jeder junge Mann eingezogen wurde, hätte aufgrund des Studiums bis zu einem Alter von 24 Jahren verschoben werden können.

Obwohl es bei der Armee die Möglichkeit gab, Musik zu studieren, betete Joseph sein ganzes Leben lang, dass er, wie sein Vater, nie würde lernen müssen, andere Menschen zu töten.

Sein Vater hatte vorgeschlagen, lieber an der Universität als am Konservatorium zu studieren, da die Uni einen Schutz vor dem militärischen Dienst bot. Eines Tages, musste Joseph seinen Vater, der ihn mit seinen logischen Denkengängen bedrängte, mit der Wahrheit konfrontieren, die ihm ins Herz gebrannt war: die Zusage einer übernatürlichen Befreiung durch den Herrn.

Josephs Vater, der nichts darüber wusste, wie man die Stimme des Herrn hören kann, versuchte dennoch, den jungen Mann zu überzeugen, als es aus seinem Sohn herausplatzte: "So spricht der Herr, ich habe den Weg bereits geebnet und ich werde Joseph übernatürlich erlösen, so dass du weißt, dass ich der Herr bin." Verdutzt, still und völlig desorientiert schluckte Josephs Vater den Kloß in seinem Hals hinunter und flüsterte dann: "Sohn, ich hoffe du weißt, was du tust." Als gottesfürchtiger Mann rüttelte er von da an nicht länger an Josephs Plänen.

Joseph ging zur Polizeistelle in seinem Bezirk, wo man einen Reisepass beantragen konnte. Er versuchten, einen Reisepass zu beantragen, wurde aber gebeten, zuerst eine formale Freistellung vom Pflichtdienst in der Armee vorzulegen. Lässig sagte er: "Kein Problem" und verließ den Raum.

Er ging direkt zum Hauptquartier der Armee und gab seinen Namen an und bat um Befreiung. Er wurde gerufen, aber in dem Moment als er den Raum betrat, schrie ein Offizier: "Salutieren! Sie sind jetzt in der Armee." Dann bekam er anstatt der Freistellungspapiere die Einberufungspapiere, ein Militärbuch und eine Fahrkarte für seine Reise zum Armeestützpunkt. Der Major rief erneut, verlangte von dem bestürzten Mann zu salutieren und verließ den Raum.

Es war Ende Juli 1979 und Einberufungstermin war im September. Es blieben also nur zwei Monate Zeit für das Außergewöhnliche und Übernatürliche, das der Herr versprochen hatte, aber Joseph hatte keine Ahnung, was das sein könnte.

Mit gebrochenem Herzen weinte Jeseph offen auf den Straßen von Warschau und beschuldigte Gott, ihn zu enttäuschen. "Vielleicht ist Gott nur eine Erfindung meiner Fantasie und er hat gar nicht zu mir gesprochen.", dachte Joseph.

So verwirrt und in schrecklichem Schmerz saß er auf dem Geländer einer Brücke und neben einer Laterne und schaute den vorbeifahrenden Straßenbahnen hinterher. Schließlich beruhigte er sich und erinnerte sich an die Schriftstelle in Psalm 46:11: Seid still und erkennet, daß ich Gott bin.

"Sei still.", flüsterte Gott in Josephs Herz. Wie ein Blitz traf Jospeh die Erkenntnis, dass Gott nicht sprechen würde, bis er nicht still war. Im Gegensatz zu dem Offizier in dem Armeestützpunkt brauchte er nicht zu schreien.

In dieser Stille konnte er die Anweisung des Obersten Generals nun genau hören: "Geh zurück zu der Polizeistation und bewerbe sich erneut."

"Wirklich, Herr? Soll ich das tun?" Dann sagte der Herr: "Ich kann den Blinden die Augen öffnen, aber ich kann genauso die Augen der Sehenden verschließen." Und das war das Ende der Unterhaltung, denn Gott hatte Josephs Verhalten erwartet.

Am nächsten Tag ging Joseph wieder zu der gleichen Polizeistelle, an der er am Tag zuvor war. Er beantragte erfolgreich den Pass und niemand fragte ihn irgendetwas.

Inzwischen luden einige amerikanische Freunde Joseph ein, die USA zu besuchen. Ein Arzt und seine Frau schrieben eine Einladung mit einer Kopie, die sie an die US-Botschaft in Warschau sandten. Die Einladung enthielt die Zusage einer Bürgschaft, ohne die die Behörden niemandem erlaubten, das Land zu verlassen.

In der Zeit von Präsident Carter hatte Amerika eine hohe Arbeitslosenrate und kaum ein Ausländer durfte einreisen und in den USA arbeiten. Mehr als 35.000 Polen hatten ein Visa beantragt, aber nur die engsten Angehörigen durften zu ihren Familien ausreisen und diese nannte man dann Spezialfälle.

Es kam die Zeit, den Pass abzuholen. Joseph ging zur Polizeistelle. Die Akte wurde geöffnet und in einem Seitenpäckchen war das Reisedokument, aber auf der rechten Seite stand mit roten Buchstaben: 'Eine Entlassung aus der Armee ist notwendig, sonst kann dem Antragsteller der Reisepass nicht ausgehändigt werden.'

Joseph wurde zurückgeschickt, um die Genehmigung der Armee einzuholen. Ein weiterer Rückschlag, aber diesmal war er ruhiger. Er hatte den Reisepass bereits gesehen, also brauchte er nur ein Ablenkungsmanöver zu veranstalten und dann die Unaufmerksamkeit auszunutzen. Aber warum sollte er so etwas tun wollen?

Am Tag vor dem Termin der Abholung des Reisepasses hatte Joseph einen Traum. Er befand sich in der Stadt, in der er aufgewachsen war. Er ging durch die Felder, als sich auf einmal große Raben auf ihn stürzten. Er schüttelte sie ab und rannte in das Haus. Aber die Raben umkreisten das Haus und schrieen mit menschlicher Stimme: 'Spiel für uns, spiel für uns!' Joseph rannte hinaus, um sie zu erschrecken, aber die Vögel flogen wieder zu ihm herunter. Joseph schaffte es, die Türe zu erreichen und schloss sie. Dann krachten die Raben gegen das Fenster über der Tür, als ob sie versuchten, das Glas zu zerbrechen, aber das Fenster war mit einem Metallgitter verstärkt. Also kreisten sie wieder um das Haus und sprachen mit menschliche Stimme, wie um Joseph zu verführen, für die Armee zu musizieren. Er schrie zurück: "Niemals!"

Nach einer Weile schienen die Vögel verschwunden zu sein. Joseph öffnete die Tür und rannte durch den Innenhof zur Scheune. Er schaute in den Heuschober und zwischen die langwirtschaftlichen Geräte, als er einen blauen Mantel entdeckte, der aussah wie ein US-Navy-Mantel mit silbernen Knöpfen. Auf den Knöpfen war der amerikanische Adler. Und obwohl Joseph diese Art Mantel nie gesehen hatte, sah er ihn nicht einfach nur an sondern wusste, dass er ihn eines Tages selbst besitzen würde.

Er nahm das fremd aussehende Kleidungsstück und steckte seine Hand in die Brusttasche. Er griff nach etwas, das sich anfühlte wie ein dünnes Notizbuch aber als er es herauszog, war es ein Reisepass. In diesem Augenlick erwachte er.

Nun ging er inzwischen das vierte Mal zur Polizeistelle. Die Dame fragte: "Waren Sie nicht gestern schon mal hier?" Joseph bejahte die Frage.

Die junge Dame öffnete die Akte mit dem Seitenpäckchen, das den Ausweis enthielt und wieder war auf der rechten Seite diese leuchtendrote Notiz. Sie zeigte auf die Stelle, wo er unterschreiben sollte. Joseph lehnte sich hinüber und mit seinem Ellenbogen verdeckte er die Schrift, nahm schnell den Pass aus der Seitentasche, schloss die Akte und gab sie der Dame und begann ein Gespräch mit ihr. Die Dame war ein hübsches Mädchen, das dem jungen Mann mehr Aufmerksamkeit schenkte als den Papieren, mit denen er ihr so eifrig geholfen hatte.

Nach einigen Witzen und Gelächter schoss Joseph aus der Wache und rannte so schnell er konnte zum Bahnhof. Er war nervös, dachte, dass sie ihn jeden Moment zurückrufen würden. Aber dann dachte er 'das ist wunderbar und wenn Gott etwas beginnt, beendet er es definitiv auch'. Er ist das Alpha und auch das Omega, der Anfang und das Ende aller Dinge.

Was er nun brauchte, war das schwer zu bekommende US-Visa. Tausende Menschen standen in der Warteschlange, die sich bereits durch mehrere Straßen wand. Viele campierten in Schlafsäcken auf den Gehwegen, nur um ihren Platz in der Reihe zu behalten.

Joseph kam, bevor die Tore geöffnet wurden und erhielt die Auskunft, er solle sich in das Buch vor der US-Botschaft eintragen. Als er die tausend Namen in dem Buch sah, dachte er, 'das ist absolut unmöglich. Sollte ich im Übernatürlichen beginnen und dann im Natürlichen weitermachen?'

Er beschloss also, mit dem Wunder-Macher weiter zusammenzuarbeiten und wartete auf die erste Gelegenheit, nämlich das Öffnen des Haupteinganges.

Zwei US-Marines in glänzenden Uniformen marschierten zum Tor und es war, als ob eine unsichtbare Macht Joseph zum Tor treiben würde. Die Menge machte den Weg für ihn frei, wie bei der Teilung des Roten Meeres durch Mose. Einige fragten Joseph immer wieder, ob er einer der Spezialfälle wäre. "Natürlich, ich bin der spezielle Fall, bitte gehen sie aus dem Weg, bitte…" Joseph ging an den Marines vorbei.

An der Eingangstür fragten polnische Wachen nach Name und Nummer. Joseph gab seinen Namen an aber keine Nummer. Dann versuchten die Wachen, ihn hinauszuwerfen, aber Joseph hatte keine Zeit zu verlieren - also blieb er stehen als ob ein Baum Wurzel geschlagen hätte.

Der Kommunismus ist ein Regime, das von ständiger Angst und Einschüchterung lebt und Joseph war dabei, das auszunutzen.

Mit drohender Stimme sagte er laut: "Sie wissen nicht wer ich bin, ich kann dafür sorgen, dass Ssie auf der Stelle entlassen werden, so wie Sie sich hier verhalten. Dies ist eine dringende Angelegenheit, gehen sie und überzeugen sie sich selbst."

Joseph gab ihm die Einzelheiten zu seinem amerikanischen Freund und die Einladung. Nur zögernd gingen die Wachen, um Josephs Geschichte zu überprüfen. Er kam lächelnd zurück und sagte sehr höflich: "Bitte nehmen Sie Platz, sie werden gleich aufgerufen." Nachdem er einen Antrag ausgefüllt hatte, wurde er gebeten, in vier Stunden wiederzukommen. Als er zurückkam, enthielt seinen Pass zurück - mit einem Visum für die USA für 6 Wochen.

Das war sehr schön - Reisepass und Visa - aber was war mit dem Geld für das Flugticket?

Keiner wusste, was hier vor sich ging. Josephs Brüder, Schwestern und Freunde waren sich sicher, dass der "Amerika-Reisende" noch eine Weile in Polen bleiben würde, denn in der Regel mussten die Soldaten nach der Entlassung aus dem Militärdienst noch mindestens zwei Jahre im Land bleiben. Das hatte etwas mit den russischen Militärgeheimnissen zu tun.

Sie schienen froh zu sein, dass Joseph keine Ausreisebewilligung erhalten hatte. Josephs Mutter kam gerade von einer Reise zurück und sein Vater wusste nur von der Einberufung seines Sohnes. Aber der Herr wusste es besser.

Schließlich konnte jemand Joseph erreichen und erzählte ihm, dass seine Tante sich große Sorgen um ihn machte. Seine Tante wurde von Josephs Schwestern gepflegt und Joseph hielt sich Joseph von Zeit zu Zeit bei ihr auf.

Eines Tages erlitt sie einen Herzanafall und war schon klinisch tot, aber der Rettungsdienst kam und kam nicht, um ihr zu helfen. Joseph legte ihr die Hände auf und holte sie ins Leben zurück. Sie war bereits Ende Achzig, als dieses atemberaubende Wunder stattfand. Der Herr verlängerte ihr Leben auf der Erde, wofür sie dankbar war und Wege suchte, um ein Segen zu sein.

Jospeh komponierte in ihrem Haus mehrere Lieder und sie war stolz darauf, die gütige Hausherrin dieser Lieder zu sein, die in ihrem Haus geboren wurden.

Vor dem Krieg war sie eine wohlhabende Frau. Sie war Eigentümerin einer der größten Zuckerfabriken aber das kommunistische Regime hatte das alles verändert. Die Fabriken und alle Immobilien, darunter mehrere Villen und Sommerhäuser, wurden beschlagnahmt. Aber sie konnte einige Gold-Dollars retten, von denen sie Joseph kurz vor ihrem 'missglückten' Tod erzählte. Das Leben eines Menschen war ihr wertvoller als ihr Gold und die Tante wusste, dass es für etwas besonderes bestimmt war.

Joseph eilte zum Haus seiner Tante und als er eintrat fragte sie: "Was hast du vor?" "Nichts… was meinst du?" Dann sagte sie: "Letzte Nacht betrat ein scheinendes Wesen wie aus dem Nichts mein Zimmer, beugte sich über mich und sagte: 'Joseph braucht dich.' Dann verschwand der Engel."

Joseph war fassunslos. Er erkannte, dass sie die einzige war, die sein Geheimnis hören musste. "Tantchen, hör mir zu. Ich habe den Reisepass und das Visa - alles um nach Amerika zu gehen, außer…" "Außer was?", fragte die Tante nach.

"Nun, die Polizei hat einen Fehler gemacht und gab mir den Pass, ich laufe gerade vor der Armee davon, aber was ich brauche, ist ein Flugticket, das eine Menge Geld kostet." "Jetzt hast du es. Hilf mir in den Mantel und lass uns gehen.", sagte sie.

Sie gingen zur Bank und dort leerte sie ihr Bankkonto. Es war genug Geld um ein nagelneues Auto zu kaufen. Mit all diesem Geld ging Joseph zum PAN-AM Airline-Büro und kaufte ein Ticket für Hin- und Rückflug nach Amerika, denn es war nicht erlaubt, ein Ticket nur für eine Strecke zu kaufen.

Am selben Tag kündigte Joseph seiner Familie an, dass er weggehen würde. Sein Vater glaubte ihm nicht, ging aber trotzdem bis zum Flughafen mit - nur um sich das Gegenteil zu beweisen. Joseph küsste alle zum Abschied und am Flughafen vermied er jeden Kontakt zur Militärpolizei, denn sie schienen nach jemandem zu suchen.

Joseph führte kaum Gepäck mit sich. Er ging durch den Zoll und stand am Abflugtor. Sein Vater und Bruder standen oben auf der Arkade, von wo aus sie die ganze Prozedur beobachten konnten.

Die Tür öffnete sich und die Passagiere gingen zum Flugzeug. Da begann sein Vater zu weinen. Joseph sah seine Tränen und wusste nicht, ob er ihn je wiedersehen würde. Das Wort des Herrn, das er einige Jahre zuvor gehört hatte, wurde nun vor den Augen seines Vaters Augen Wirklichkeit.

Ein letztes Abschiedswinken und Joseph war im Flugzeug nach Frankfurt in Deutschland und weiter nach New York in den USA.

Bevor die Türe geschlossen wurde, kam noch ein Offizier an Bord. Er schaute nach rechts und nach links, als ob er nach jemandem suchen würde. Joseph duckte sich ängstlich. 'Sie haben alles herausgefunden und werden mich gleich mitnehmen', dachte er. Aber der Mann zählte nur die Leute, salutierte und dann wurde die Tür geschlossen. Die Motoren heulten auf und das Flugzeug ging in Startposition.

Sie hätten das Flugzeug stoppen und den Deserteur festnehmen können, aber nichts von alledem passierte. Das amerikanische Flugzeug hob ab und flog geradewegs in den Sonnenuntergang.

Im Oktober kam ein Polizist, um den Deserteur festzunehmen. Josephs Vater arbeitete im Garten, als der Polizist nach dem Aufenthaltsort seines Sohnes fragte. Der stolze Vater ging mit einem Lächeln auf dem Gesicht ins Haus, um das Militärbuch seines Sohnes und die Fahrkarte zur Militärstation zu holen. Er gab die Papiere dem Polizist, der sehr überrascht war als er erkannte, dass der angebliche Soldat weit weg in einem fremden Land war.

"Wie konnte das passieren?", fragte er.

"Oft sind Dinge bei Menschen unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.", antwortete Josephs Vater.

Der Polizist drehte sich wortlos um und ging seines Weges.